Stellungnahme: Länger leben – länger schuften?

Stellungnahme: Länger leben – länger schuften?

2018-01-03T18:11:41+00:00

Was heißt Aktives Altern für Frauen?

Gegenwärtig dreht sich in den politischen Debatten alles um die Konsolidierung der Staatshaushalte. Alle sind sich einig: Es muss gespart werden! Dabei geht fast unter, dass die EU 2012 zum „Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen“ proklamiert hat. Was bedeutet nun unter den gegenwärtigen Sparzwängen diese Proklamation?

In ganz Europa stellt sich das „Problem“ der Alterung. Die demographischen Trends zeigen, dass auch in Österreich in naher Zukunft immer mehr alte Menschen immer weniger Jungen gegenüberstehen. Dabei gibt es allerdings ausgeprägte Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Die Zahl der alten Frauen übertrifft jene der Männer – so werden im Jahr 2030 36% der Frauen und 31,7% der Männer zur Altersgruppe 60+ gehören. Aber auch die Lebensverhältnisse unterscheiden sich: So wird für das Jahr 2030 prognostiziert, dass 82,8% der über 60-jährigen Frauen, hingegen lediglich 22,3% der gleichaltrigen Männer in Einpersonenhaushalten leben werden.

Wie kann „Altern“ aktiv gestaltet werden? Wie können die Pensionen auch noch für die künftigen Generationen gesichert werden? Und wer wird sich in Zukunft um die Alten kümmern?

Ältere Personen sollen länger im Erwerbsprozess bleiben – so eine berechtigte Forderung. Allerdings ist es mit einer Anhebung des Pensionsalters wie zuletzt auch und gerade für Frauen gefordert, nicht getan: Oft genug werden ältere Menschen aus ihrer bisherigen Tätigkeit in schlecht bezahlte und wenig angesehene Tätigkeiten oder in die Arbeitslosigkeit abgeschoben. Und wenn sie ihre Arbeitsplätze länger behalten, geht das nicht selten auf Kosten der jungen BerufseinsteigerInnen. Es muss also zum einen in die Zahl und die Qualität der Arbeitsplätze investiert werden, zum anderen muss erkannt und gesellschaftlich honoriert werden, dass „Aktiv-Sein“ sich nicht auf Erwerbsarbeit erschöpft und dass man sich auch jenseits von Erwerbsarbeit ausfüllend und sozial nützlich betätigen kann.

Die öffentlichen Pensionen müssen gesenkt werden und durch private, betriebliche und individuelle Vorsorge ersetzt werden – so lautet das derzeit beliebteste Rezept für die Sicherung des Pensionssystems. Dass Pensionskürzungen für BezieherInnen von Niedrigpensionen (besonders häufig Frauen!) eine zunehmende Armutsgefährdung bedeuten, dass die – ebenfalls überproportional weiblichen – BezieherInnen von Niedrigeinkommen aus Geldmangel gar nicht in die Privatvorsorge ausweichen können und dass die Privatvorsorge sich im Zuge der Finanzkrise als höchst unzuverlässig erwiesen hat, wird dabei allzu leicht übersehen. Eine nachhaltige Pensionssicherung wird sich den Fragen einer grundlegenden Systemreform (Stichwort: Grundsicherung im Alter) und der Erschließung neuer Finanzierungsquellen stellen müssen.

Wenn Menschen länger im Erwerbsleben stehen, stellt sich das Problem der Betreuung von Kindern und von Pflegebedürftigen verschärft dar. Die Hauptlast der informellen Pflege trägt heute die mittlere Generation, d.h. Personen im Alter von 45 bis 64 Jahren. 1971 standen 31 Personen dieser Altersgruppe einer hochbetagten Person (85+) gegenüber. 2030 werden es – nach den gegenwärtigen Prognosen – nur mehr 7,5 Personen sein. Hier stellt sich die Frage, ob unser Pflegegeldsystem, das ganz wesentlich auf familiäre, in der Regel von Frauen geleistete Unterstützung baut, noch adäquate Lösungen bieten kann. Solidarität zwischen den Generationen müsste zunächst bedeuten, das Pflegegeld regelmäßig zu valorisieren. Darüber hinaus muss aber auch die Situation der pflegenden Angehörigen verbessert werden. Weiters müsste dafür Sorge getragen werden, dass sich Frauen und Männer in gleicher Weise an der Sorgearbeit ebenso wie an der Erwerbsarbeit beteiligen. Generationen übergreifende Solidarität muss schließlich adäquate Anerkennung bedeuten, d.h. angemessene Bezahlung und soziale Absicherung der überwiegend weiblichen, aus dem Ausland zugewanderten Pflegekräfte, die in Alten- und Pflegeheimen, in Privathaushalten oder ambulanten Einrichtungen Pflegearbeit verrichten.

Das „Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen“ will eine öffentliche Diskussion anstoßen. Dabei darf die Generationensolidarität nicht über den aktuellen Budgetsparzwängen in Vergessenheit geraten. Generationen übergreifende Solidarität kann nicht bedeuten, dass Frauen neben, trotz oder anstelle ihrer Erwerbstätigkeit weiterhin die überwiegende Last der unbezahlten Betreuungs- und Pflegearbeit zugemutet und abverlangt wird.

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